Ausflug mit Madame Fantastique
- Mein Bruder ist der einzige Mensch, den ich kenne, der sich im Internet unter den abstrusesten Pseudonymen anmeldet.
- Meine Mutter ist - mich ausgenommen, denn diese Eigenschaft schien mir bis dato lediglich vererbbar zu sein - der einzige Mensch, den ich kenne, der sich nicht scheut, im Restaurant mehrfach zu reklamieren.
Zunächst einmal zu der Geschichte mit den Pseudonymen: mein Bruder hat mir stets eingebleut, mich im Internet nur dann unter meinem richtigen Namen anzumelden, wenn ich etwas bestelle, das an meine Adresse geliefert werden soll, oder aber, wenn ich online meine Bankgeschäfte tätige. Während ich selbst bei der Erfindung von Nicknamen nicht besonders viel Kreativität beweise, kommen bei ihm beispielsweise vergessen geglaubte Nahrungsmittel zum Zug. Und damit, so dachte ich, ist er ein echter Exot. Aber weit gefehlt.
Am Wochenende wurde ich Zeugin einer sehr ähnlichen Handlung ... ausgeführt von einer meiner Freundinnen. Wir hatten beschlossen, gemeinsam ins Kino zu gehen. Nachdem wir uns auf einen Film und ein Lichtspielhaus geeinigt hatten, erklärte sie sich bereit, die Karten zu reservieren und zu fahren. Sie sammelte uns also beide ein und wir reisten voller Vorfreude vom Land in die Stadt. Wir parkten den Wagen und fuhren mit dem Aufzug ins Foyer, wo wir uns an einer der Kassen anstellten, um die reservierten Karten abzuholen. Und dann passierte es: sie teilte uns den Namen mit, unter dem sie die Karten zurücklegen hatte lassen ... FANTASTIQUE ... und verkürzte uns mit dieser - wenn auch sinnlosen so doch kreativen - Handlung die sonst eher langatmige Wartezeit um Lichtjahre! Sie selbst hatte ja noch die Hoffnung, ihr Pseudonym lediglich uns anvertrauen zu müssen und bei dem Mitarbeiter hinter der Kasse mit der ReservierungsNUMMER glimpflich davon zu kommen. Aber diese Hoffnung wurde kläglich - und zu unserer Freude - zu Nichte gemacht.
Und nun zu der Geschichte mit den Reklamationen: meine Mutter hat die Angewohnheit, im Restaurant - und übrigens auch sonst überall - sowohl ihre Begeisterung als auch ihren Unmut über die von ihr käuflich erworbenen Dienstleistungen oder Waren Kund zu tun. Tut sie dies in meiner Anwesenheit, nervt mich das eigentlich oft sehr. Dennoch muss ich zugeben, dass diese Eigenschaft entweder abgefärbt hat oder aber vererbt wurde und so halte auch ich nur selten mit meiner Meinung hinterm Berg. Allerdings bin ich bisher - wohl auch aufgrund der schambesetzten Reaktionen von Freunden, Familienmitgliedern und Anverwandten - davon ausgegangen, dass wir beide da die Einzigen sind. Aber am Wochenende wurde ich auch hier eines Besseren belehrt.
Nach dem Besuch des Lichtspielhauses - übrigens möchte ich an dieser Stelle sagen, dass Sandra Bullock in diesem Jahr zwar in einem eher mittelmäßigen Film mitgespielt hat, dafür aber eine wirklich gute schauspielerische Leistung dargeboten und deshalb den Oscar zu Recht gewonnen hat - sind wir gemeinsam in eine Kneipe in direkter Nachbarschaft gegangen. Hierbei handelte es sich übrigens um ein zu einer Kette gehörendes Etablissement. Wir bestellten uns Cocktails und versuchten, uns trotz der sehr lauten und etwas basslastigen Musik zu unterhalten. Als die Cocktails dann kamen, stießen wir an und tranken einen ersten Schluck. Während das für zwei von uns keine nachhaltige Aktion war, spiegelten die Gesichtszüge der Dritten im Bunde sofort ihr Missfallen wider. Denn statt des auf der Karte beschriebenen ErdbeerPÜREES - oh Gott ... WIE schreibt man das nur?! - fanden sich in dem Getränk neben dem weit verbreiteten "crushed ice" vielmehr Erdbeeraromen, die wohl durch irgendein Pulver da hineingekommen waren. Nach einigem Zögern winkte die Freundin den Kellner heran und reklamierte. Der Mitarbeiter der Kneipe ging neben ihr in die Knie und faselte dann etwas von Rezepturen, die von der Zentrale vorgegeben werden, deren Ergebnisse ihm selbst jedoch auch nicht mundeten und bot ihr ein Ersatzgetränk an. Daraufhin bestellte sie ein Pils. Biertrinker unter Euch wissen, dass es sich dabei mitnichten um ein Weizen handelt ... aber genau das bekam sie dann ... wenn auch in einem nicht eindeutig als Weizenglas zu identifizierenden Gefäß. Bereits durch die Farbe und den Geruch etwas irritiert, nippte sie kurz daran und haderte mit sich, ob es denn tatsächlich angebracht und sozial erwünscht sein könnte, auch deses Getränk zu reklamieren. Nachdem sie sich durchgerungen hatte, versuchten wir gemeinsam, den für unseren Tisch zuständigen Kellner ausfindig UND auf uns aufmerksam zu machen. Zwar gelang uns dies nicht, ABER der junge Mann bemerkte beim Passieren unseres Tisches direkt und ohne fremde Hilfe, dass meiner Freundin - übrigens von seiner langjährigen Kollegin - das falsche Ersatzgetränk gebracht worden war. Er entschuldigte sich und kümmerte sich eigenständig und zügig um eine neue Lieferung auf Kosten des Hauses. ... Allerdings möchte ICH abschließend noch Folgendes anmerken: als Mitarbeiter einer Kneipe würde ich dem Kunden kein Getränk in Rechnung stellen, das er nicht getrunken hat. Genau das ist aber passiert. Denn meine Freundin musste den zuallererst georderten Cocktail - der natürlich viel teurer als das später tatsächlich konsummierte Pils war - bezahlen! ... Vor allem würde ich das als Mitarbeiter eines zu einer Kette gehörenden Etablissements, die ihre Gäste durch Aufsteller auf den Tischen auf eine Zufriedenheitsbefragung aufmerksam macht, mitnichten in Erwägung ziehen.
Also Ihr Beiden: DANKE für die Ausflüge in die französische Welt der Phantasie sowie die der Reklamation in Restaurants und vor allem DANKE für die Entmysthifizierung der Familiengeheimnisse ... wir kochen also doch alle nur mit Wasser.


1 Comments:
Sehr gut niedergeschrieben. Genau so war's! :-)
30 April, 2010 00:19
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